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Predigt bei der 477. Monatswallfahrt in Maria Roggendorf (13. Dezember 2009)


Liebe Mitbrüder im priesterlichen Dienst!
Liebe Benediktiner!
Liebe Wallfahrer hier in der Basilika Maria Roggendorf!
Liebe Brüder und Schwestern in Christus!

Gaudete in Domino semper: iterum dico, gaudete. Freut euch im Herrn zu jeder Zeit! Noch einmal sage ich: Freut euch! Denn der Herr ist nahe (Eröffnungsvers der hl. Messe am III. Adventssonntag, nach Phil 4,4).

Der Eröffnungsvers der heiligen Messe, der der Lesung aus dem Philipperbrief entnommen ist, bildet gleichsam das „Motto" des Dritten Adventssonntags: Die Freude über die nahe Ankunft des Erlösers - die Freude an Gott, der seine Nähe in Jesus Christus, dem Retter, offenbar macht - prägt die Liturgie dieses Dritten Advents und unser eigenes geistliches Empfinden: Freut euch! Denn der Herr ist nahe!

Die Freude über das Nahen der Erlösung durchzieht in der Tat die biblischen Lesungen dieses Sonntags. Die Kirche greift zunächst die Sehnsucht des Volkes des Alten Bundes nach Gottes Nähe auf und läßt Zephanja, einen der „kleinen Propheten", in der ersten Lesung zu Wort kommen. In seiner eindrucksvollen Mahn- und Verheißungsrede über Jerusalem steht inmitten des zu erwartenden Gerichts die Hoffnung auf Heil für das Volk Gottes:

Der Herr, dein Gott, ist in deiner Mitte,
ein Held, der Rettung bringt.
Er freut sich und jubelt über dich,
er erneuert seine Liebe zu dir,
er jubelt über dich und frohlockt,
wie man frohlockt an einem Festtag ( Zef   3, 17).

Gott, der Herr, ist in unserer Mitte, ein Held, der Rettung bringt! Darüber dürfen wir uns wirklich freuen! In der langen Geschichte Gottes mit seinem Volk ist deutlich geworden, daß der Begriff „Rettung" nicht nur im irdischen Sinn, also etwa politisch und militärisch verstanden werden darf. Viele Jahrhunderte mussten vergehen, damit sich mit dem Erlösungsgedanken auch der Volk- Gottes-Begriff weiten konnte: Die dem Judentum entstammenden Apostel taten sich anfangs noch schwer, die Botschaft Jesu von Gottes Heil für alle Glieder seines heiligen Volkes zu begreifen. Zu sehr waren auch sie noch dem alten Volk-Gottes-Begriff verhaftet, der das erste auserwählte Volk meinte und eine politische Befreiung von der Fremdherrschaft ersehnte. Die junge Kirche hat jedoch begriffen und bezeugt, daß die Prophetenworte in dem von Jesus Christus verkündeten Reich Gottes ihre Erfüllung finden. Daher macht sich die christ­liche Heils-Verkündigung seit zweitausend Jahren diese Worte zu eigen: Dein Gott ist in deiner Mitte. Er bringt Rettung und erneuert seine Liebe zu dir!

Den Brief des hl. Apostels Paulus an die Philipper greift, wie wir schon ge­sehen haben, der Introitus-Vers der heutigen Sonntagsliturgie auf: Freut euch im Herrn zu jeder Zeit! Noch einmal sage ich euch: Freut euch! Der Herr ist nahe ( Phil 4,4.5). Paulus nennt neben dem Grund dieser Freude - die Nähe Gottes - auch ihre Auswirkungen: Irdische Sorgen treten in den Hintergrund, oder bes­ser, gewinnen in der Nähe Gottes einen anderen Stellenwert: „Sorgt euch um nichts, sondern bringt in jeder Lage betend und flehend eure Bitten mit Dank vor Gott" ( Phil 4, 6 ). Der tiefste Grund der „Freude im Herrn" ist nach Paulus schließlich die Teilhabe am „Frieden Gottes, der alles Verstehen übersteigt" und an der wachsenden „Gemeinschaft mit Christus Jesus".

Liebe adventliche Mitchristen! Wie begehen diese 477. Monatswallfahrt für die Kirche kurz von Weihnachten, mitten in der Adventszeit. Und wir feiern sie hier in der Wallfahrtsbasilika von Maria Roggendorf mit ihrer langen und innigen marianischen Tradition. Daher kommt ganz natürlich die Jungfrau Maria in unseren Blick, die Jesus - die Frucht ihres Leibes - in ihrem Schoß getragen hat. Maria ist der „adventliche Mensch" par excellence, die Frau, die gleichsam ganz in der Erwartung dessen lebt, was an Weihnachten geschieht. Zu Recht gibt die christliche Kunst der Gottesmutter in allen Krippendarstellungen ihren Platz an der Seite des göttlichen Kindes, des Erlösers, dessen irdische Mutter sie nach dem Plan Gottes sein sollte. Das hier in der Wallfahrtskirche viel verehrte Gnadenbild zeigt die ganze Zärtlichkeit der Beziehung zwischen Maria und Jesus, ihrem Sohn.

Das II. Vatikanische Konzil (dessen großartige Texte ich immer wieder gerne zitiere, weil viele sich heute auf dieses Konzil berufen, ohne seine Texte studiert zu haben und folglich ohne seine Lehre wirklich zu kennen) - das II. Vatikanum also hat die Glaubensüberzeugung der Kirche bekräftigt, „daß Maria nicht bloß passiv von Gott benutzt wurde, sondern in freiem Glauben und Gehorsam zum Heil der Menschen mitgewirkt hat. So sagt der heilige Irenäus, daß sie in ihrem Gehorsam für sich und das ganze Menschengeschlecht Ursache des Heiles geworden (Adv. Haer. III, 22, 4) ist" (LG 56).

Die Konzilsväter haben uns die Stellung Mariens in der Heilsgeschichte und in der Kirche in Erinnerung gerufen: „Marias mütterliche Aufgabe gegenüber den Menschen verdunkelt oder vermindert die einzige Mittlerschaft Christi in keiner Weise, sondern zeigt ihre Wirkkraft. Jeglicher heilsame Einfluß der seligen Jungfrau auf die Menschen kommt nämlich nicht aus irgendeiner sach­lichen Notwendigkeit, sondern aus dem Wohlgefallen Gottes und fließt aus dem Überfluß der Verdienste Christi, stützt sich auf seine Mittlerschaft, hängt von ihr vollständig ab und schöpft aus ihr seine ganze Wirkkraft" (LG 60). Eine echte   marianische Frömmigkeit führt daher immer zu einer innigeren Christus­beziehung. Wer sich von Maria „an die Hand nehmen lässt", den führt sie zu ihrem Sohne, unserem einzigen Mittler beim Vater, Jesus Christus, "der sich selbst als Lösegeld für alle hingegeben hat" ( 1 Tim 2, 6).

Das Konzil hat die „Mutterschaft Marias in der Gnadenökonomie" betont und daran erinnert, daß sie, die große Helferin der Christen, fortfährt, „uns die Gaben des ewigen Heiles zu erwirken" (LG 62). Daher wollen und dürfen wir in dieser adventlichen Stunde ihre Fürsprache in unseren Anliegen und besonders in den Anliegen der Kirche erbitten und anrufen:

  • um Festigung im Glauben
  • um die Weckung geistlicher Berufe
  • um die Erneuerung der Kirche im Geist des Evangeliums Christi
  • um  Frieden bei uns und in der ganzen Welt.

Liebe Christen! Es ist wieder Adventszeit. Zeit der Erwartung und der Ankunft. Gott will bei uns ankommen. Wir aber sollen bei Gott ankommen. Es wäre das beste und schönste Geschenk zu Weihnachten, wenn uns die Adventszeit immer mehr zu dieser doppelten Ankunft führen würde: zur Ankunft Gottes beim Menschen und zur Ankunft des Menschen bei Gott. Die Fürsprache Mariens, der großen adventlichen Frau, die in dieser Zeit der frohen Erwartung an unserer Seite geht, möge uns dabei helfen! Amen.

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Predigt von Erzbischof Dr. Peter Zurbriggen, Apostolischer Nuntius in Österreich
Basilika Maria Roggendorf - 477. Monatswallfahrt
(13. Dezember 2009 - Dritter Adventssonntag)