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Predigt in der Augustinerkirche Wien zum Christkönigsfest (22. November 2009)


Letzter Sonntag im Jahreskreis - Christkönigssonntag (Hochfest)
3000. Hochamt nach dem II. Weltkrieg in der Augustinerkirche Wien
Franz Schubert: Große Messe As-Dur


Liebe Mitbrüder im priesterlichen und diakonalen Dienst, liebe Augustiner!
Liebe festliche Gottesdienstgemeinschaft!
Brüder und Schwestern in Christus!

Einleitung

An diesen Sonntag begeht die Kirche voll Freude das Hochfest Christkönig. Heute dürfen wir hier in der so festlich geschmückten Kirche der Augustiner­eremiten im Herzen von Wien voll Freude und Dankbarkeit auch das 3.000. musikalische Hochamt nach dem II. Weltkrieg mit der großen As-Dur-Messe von Franz Schubert feierlich begehen. Daß dieses kirchenmusikalische „Highlight" mit dem Namenstag der heiligen Cäcilia, der Patronin der sakralen Musik, zusam­menfällt, freut uns ganz besonders. Wir dürfen in diesem Umstand vielleicht auch einen Hinweis darauf erblicken, daß unser ganzes christliches Leben „Lob Gottes" sein soll und daß wir Christen durch zwei Jahrtausende hindurch gelernt haben, die Musik in den Dienst der glorificatio Dei - der Verherrlichung Gottes - zu stellen. Ich möchte den Wiener Augustinern an dieser Stelle ganz besonders für den Dienst danken, den sie neben ihrer seelsorglichen Arbeit in diesem Sinne leisten.

König auf dem Kreuzesthron

Das Christkönigsfest ist liturgiegeschichtlich jung - es wurde erst 1929 von Papst Pius XI. eingeführt. Aber sein Inhalt ist so alt wie der christliche Glaube selbst und deshalb immer aktuell: Auf vielen Kreuzen ist über dem Kopf Christi eine Tafel mit der Aufschrift INRI angebracht: Iesus Nazarenus Rex Iudaeorum [Jesus von Nazareth, der König der Juden]. Ebenso weist uns das griechische Wort „Christus" - das heißt auf deutsch „Der Gesalbte" - auf das Königtum Christi hin. Wir dürfen uns daran erinnern, daß bei den Königen der biblischen Zeit, also zur Zeit des Alten Bundes, der Weiheritus der Salbung sogar als entscheidender Akt der Königserhebung galt. Jesus Christus ist in dieser Sichtweise ganz und gar König: sein Königstitel ist sein Name - Christus, der Gesalbte - und das Kreuz ist sein Thron geworden, von dem die Strahlen der göttlichen Barmherzigkeit zur Erlösung der Menschheit ausgehen! Der König der Könige wurde nicht mit einer goldenen, protzig verzierten Krone gekrönt; auch seine Insignien sind andere als jene von weltlichen Herrschern. Die Krone, die Christus trägt, ist die Dornenkrone und Christi Insignien sind die Wundmale der Kreuzigung an seinen Händen und Füßen.

Das Wesen des Königtums Christi

Das Evangelium, das wir soeben gehört haben, stellt uns heute einen Teil des dramatischen Verhörs vor Augen, dem Jesus durch Pontius Pilatus unterzogen wurde bei seiner Auslieferung. Bei der Anklage wird Jesus vorgeworfen, sich den Titel „König der Juden" angemaßt zu haben. Auf die Fragen des römischen Statthalters Pilatus antwortet Jesus, indem er bestätigt: „Ich bin ein König" ( Joh 18,37). Gleichzeitig sagt Jesus jedoch: „Mein Königtum ist nicht von dieser Welt" ( Joh 18,36). Aus der Hl. Schrift wissen wir, daß Jesus den Königstitel für sich selbst ablehnt, wenn dieser in einem politischen Sinn verstanden wird, im Sinn der „Herrscher der Völker" (vgl. Mt 20,24). Er ist nicht gekommen, um über irdische Territorien zu herrschen, nicht um Revolutionen anzuzetteln, um sich und seine Freunde an die Macht zu bringen, sondern um die Menschen von der Knechtschaft der Sünde zu befreien und sie mit Gott zu versöhnen.

Das Königtum Christi - das wir mit der ganzen Kirche am letzten Sonntag des Kirchenjahres feiern - beinhaltet, daß Christus dem Menschen Gesetzgeber und Richter ist. Immer wieder haben wir in den biblischen Lesungen der letzten Wochen vom Gericht und von der Wiederkunft Christi gehört. Und so stellt die Kirche am letzten Sonntag im Kirchenjahr die Betrachtung von Christus dem König in den Mittelpunkt. Wie können wir uns das Königtum Christi vorstellen? Das nizäno-konstantinopolitanische Credo, das Große Glaubensbekenntnis der Kirche verkündet die ewige Dauer des Königtums Christi: Der Chor wird dies in wenigen Augeblicken singen: „cuius regni non erit finis" [ seiner Herrschaft wird kein Ende sein ]. Sein Reich - nicht unseres - wird also nie aufhören zu existieren. Aber welches Reich, welches Herrschaftsgebiet - wenn man es so nennen will - besitzt denn Christus, so werden Sie, liebe Mitchristen, vielleicht fragen. Im heutigen Evangelium haben wir gehört, daß sein Reich nicht von dieser Welt ist (vgl. Joh 18,36), daß es also mit einem weltlichen Reich, einem irdischen Territorium, nicht vergleichbar ist. Der von unserem Heiligen Vater, Papst Benedikt XVI., und auch gerade hier an diesem Ort so hoch verehrte und geschätzte heilige Augustinus gibt uns in seinem gelehrten Kommentar zum Johannesevangelium einen Hinweis darauf: „ Sein Reich ist hier, bis zum Ende der Welt, und es hat Weizen vermischt mit Unkraut bis zum Tag der Ernte. Doch es ist nicht von hier, weil es in dieser Welt im Zustand der Pilgerschaft ist." Aber wie ist das zu verstehen? Der Machtbereich des Königtums Christi umfaßt Himmel und Erde. Das bedeutet, daß es nicht nur diese Welt gibt, sondern auch eine andere, die jenseitige Welt. Die Mächtigen dieser Welt aber herrschen „nur" über die vergängliche Welt mit all ihren Grenzen.

Herrschaft Christi in uns

Im letzten Jahrhundert haben viele Menschen - vermutlich auch einige unter uns - erlebt, wohin es führt, wenn Diktatoren und totalitäre Staaten versuchen, auch über die Seelen der Menschen zu herrschen. Jede Seele kann aber nur einen Herrscher haben und dieser Herrscher ist Jesus Christus. In dieser Hinsicht ist die wohl wichtigste Frage, die wir uns an diesem Christkönigsfest stellen müssen, nicht die, ob Christus tatsächlich in der Welt herrscht. Diese Frage müsste vielerorts wohl negativ beantwortet werden. Vielmehr geht es heute um die Frage, ob er in mir herrscht. Wichtig ist nicht, ob sein Königtum von den Staaten und Regierungen anerkannt wird, sondern ob es von mir persönlich anerkannt und gelebt wird. Ist Christus wirklich der König und Herr meines Lebens? Wer herrscht in mir? Wer legt die Ziele fest, und wer setzt in meinem Leben die Prioritäten? Lasse ich, lassen wir Christus herrschen?

Teilhabe am Reich Christi

Nach einem bekannten Wort des heiligen Paulus im Römerbrief gibt es zwei mögliche Weisen zu leben: für „sich selber" oder eben „dem Herrn" (vgl. Röm 14,7-9). „Sich selber" leben heißt, als der zu leben, der sich selbst Aus­gangspunkt und Ziel ist; der in sich selbst verschlossen bleibt und der sein Leben nur nach den eigenen Wünschen und der eigenen Ehre ausrichtet - ohne an die Ewigkeit zu denken, in der ein anderer die „Ehrenplätze" vergibt. „ Dem Herrn " leben bedeutet hingegen, auf ihn hin zu leben, für seine Ehre und für sein Reich. Davon sollte unser eigenes Leben geprägt sein: Nicht sich durchzusetzen ist das Größte, sondern die stete Bereitschaft, sich auf den Weg zu Gott und zueinander zu machen. Wer ihn annimmt als den König und Herrn, dessen Hoffnung auf Teilhabe am Reich Christi, das hier beginnt und ewig währt, ist begründet und hat Bestand.

Christus vincit, Christus regnat, Christus imperat!

Amen.


Homilie des Apostolischen Nuntius in Österreich Erzbischof Dr. Peter Zurbriggen

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