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Hochfest der ohne Erbsünde empfangenen Jungfrau und Gottesmutter Maria (8.12.2009)


Hochwürdigster, lieber Herr Diözesanbischof! Hochwürdige Mitglieder des Linzer Domkapitels!
Liebe Mitbrüder im priesterlichen und diakonalen Dienst!
Liebe Ordensschwestern!
Liebe festliche Gottesdienstgemeinschaft!
Meine Brüder und Schwestern in Christus!

Einleitung - Bedeutung des Festes für Österreich und insbesondere für Linz

Vor einigen Monaten hatte ich bereits Gelegenheit, den Mitgliedern des Kon­sistoriums der Diözese Linz zu begegnen und mir einen ersten Eindruck von der Lebendigkeit dieser Teilkirche zu verschaffen. Bei meinem Besuch im Mai hat Bischof Dr. Ludwig Schwarz mich eingeladen, am heutigen Hochfest mit Ihnen allen hier in der Kathedrale den Gottesdienst zu feiern. So freut es mich, an diesem für Österreich und für die Diözese Linz - deren Domkirche der unbe­fleckt empfangenen Mutter Gottes geweiht ist - so bedeutenden Fest hier zu sein und gleichsam im Herzen der diözesanen Gemeinschaft das Mysterium Fidei zu feiern.

Werfen wir, liebe Mitchristen zunächst einen Blick auf den Inhalt und die Bedeutung dieses Festtages, des Hochfestes der ohne Erbsünde empfangenen Jungfrau und Gottesmutter Maria:

Angeregt durch das Wirken der damaligen Jesuiten, legte Kaiser Ferdinand III. 1645 die Immaculata-Gelübde ab. Als in den Schreckensjahren des Dreißig­jährigen Krieges die Eroberung Wiens durch das schwedische Heer befürchtet werden musste, gelobte der Kaiser, das Fest „Mariä Empfängnis" in seinen Territorien einzuführen und auf einem öffentlichen Platz Wiens eine Marien­säule zu errichten. Am 18. Mai 1647 wurde Maria zur Schutzfrau Österreichs erhoben, und das Fest der Unbefleckten Empfängnis Mariens öffentlich als zu begehender Feiertag eingeführt.

Auf Bitten vieler Gläubigen und Bischöfe aus aller Welt hat der selige Papst Pius IX. (1846-1878) heute vor genau 155 Jahren, am 8. Dezember 1854, diese wichtige Glaubenslehre dogmatisiert: Durch ein einzigartiges Gnadenprivileg Gottes im Hinblick auf die Verdienste Christi, des Erlösers des Menschen­geschlechtes, ist Maria von jedem Makel der Erbsünde unversehrt bewahrt worden. Der fünfte Linzer Bischof, Franz Joseph Rudigier, fällte kurz darauf, im Jahre 1855, die Entscheidung eines Domneubaues zu Ehren der Unbefleckten Empfängnis Mariens. Im selben Jahr begannen die Vorbereitungen für den 62 Jahre lang andauernden Bau zum immerwährenden Gedächtnis dieser wichtigen Glaubensentscheidung. Hier scheint des weiteren erwähnenswert, daß in Österreich nach dem Zweiten Weltkrieg, im großen Marianischen Jahr 1954, - die älteren unter uns können sich noch daran erinnern - der 8. Dezember dank einer Unterschriftenaktion von 1.500.000 Österreichern auch als staatlicher Feiertag wieder öffentlich eingeführt wurde.

Ohne Erbsünde empfangen - die neue Eva

Mariä Empfängnis wird oft mit dem Hochfest Verkündigung des Herrn (Mariä Verkündigung) verwechselt, das natürlich neun Monate vor Weihnachten (am 25. März) gefeiert wird. Heute hingegen freuen wir uns, daß Maria von ihrer Mutter Anna ohne Erbsünde empfangen wurde. Maria hat nicht nur ihr ganzes Leben lang keinerlei Sünde begangen, sondern wurde sogar vor jenem uns Menschen gemeinsamen Erbe bewahrt, das wir „Erbschuld" nennen, und zwar aufgrund der Sendung, zu der Gott sie von jeher auserkoren hatte: die Mutter unseres Erlösers zu sein. All dies ist im Dogma der „Unbefleckten Empfängnis" enthalten. Die biblische Grundlage dieses Glaubenssatzes gründet in den Worten, die der Engel an die Jungfrau Maria richtete: „Sei gegrüßt, du Begnadete, der Herr ist mit dir" ( Lk 1,28). „ Begnadete", das ist der Name, den Gott selbst ihr gegeben hat, um zu zeigen, daß sie seit jeher und für immer auserwählt ist, den Sohn Gottes aufzunehmen. Sie ist die neue Eva, die Braut des neuen Adam, die dazu bestimmt ist, Mutter aller Erlösten zu sein. So schrieb der heilige Andreas von Kreta: „Maria, die Theotókos (die Gottesgebärerin), die gemeinsame Zuflucht aller Christen, ist die erste gewesen, die von dem uranfänglichen Fall unserer Ureltern befreit worden ist" (Homilie IV zu Weihnachten, PG 97, 880 A).

Gott hat Maria dieses hohe Gnadenausmaß nicht nur geschenkt, damit sie sich daran erfreue, sondern zusammen mit der Gnade war auch der verborgene Auftrag verbunden, dem Maß der Gnade entsprechend zu handeln. Dies hat Maria getan. Bedenken wir, was es heißt, wenn ein Mensch in vollkommener Weise der Gnade, die ihm zuteil wird, entspricht. Wie heilig würde ein Tag in unserem Leben wohl sein, an dem wir sagen könnten: Ich habe der Gnade, die Gott mir gegeben hat, vollkommen entsprochen. Bei Maria gab es keinen Tag, an dem sie nicht die Liebe und die Tugenden vollkommen geübt hätte. Und schließlich brach der große Tag an, an dem sie die Muttergottes-Würde erhalten sollte.

Maria ist der „Typus der Kirche"

Gott hat uns Maria geschenkt, damit wir auf sie hinblicken können. Sie ist unser großes Vorbild. Sie ist - wie es der heilige Bischof Ambrosius vom Mailand, dessen Fest wir gestern gefeiert haben, einmal ausgedrückt hat - der „Typus der Kirche", weil wir an der Entfaltung ihres Gnadenlebens sehen können, wie Gott seine Geschöpfe, wie er auch mich beruft und zur Vollendung führen will. Wenn wir auf Maria schauen, müssen wir uns sagen, daß auch uns große Gnaden bereitet sind, daß auch uns eine Krone im Himmel zugedacht ist. Auch wir haben bei der Taufe, bei der wir von der Erbschuld befreit wurden, die Erstlingsgnade erhalten. Ergreifen wir die Hand unserer himmlischen Mutter und lassen wir uns von ihr durch unser Leben führen, so daß auch in unserem Leben die Erstlingsgnade zur vollen Entfaltung kommen kann!

Der Apostel Paulus erinnert uns daran, daß alle Menschen aufgerufen sind, heilig und untadelig zu leben vor Gott in der Liebe (vgl. Eph 1,4). Wie sollten wir, wenn wir auf die Mutter Gottes blicken, in uns nicht die Sehnsucht nach Schönheit, Güte und Reinheit des Herzens neu erwachen lassen? Ihre himm­lische Reinheit zieht uns zum Herrn und hilft uns, die Versuchung eines mittelmäßigen, von falschen Kompromissen geprägten Lebens zu überwinden, um uns entschieden auf das wahre Gut auszurichten, das Quelle der Freude ist.

Ein Wort an die Priester

Der 8. Dezember hat heuer auch eine besondere Bedeutung für alle Priester der Kirche: Das von unserem geliebten Heiligen Vater, Papst Benedikt XVI., ausgerufene Jahr zur Heiligung der Priester hat in diesem Advent seine arithmetische Mitte und mit dem heutigen Muttergottes-Fest einen weiteren Höhepunkt erreicht: Der hl. Pfarrer von Ars, Johannes-Maria Vianney, hegte für die Unbefleckte Empfängnis Mariens eine glühende Verehrung - er, der schon 1836 seine Pfarre der ohne Sünde empfangenen Maria geweiht hatte und dann die dogmatische Definition von 1854 mit so viel Glaubensfreude aufnehmen durfte!

Liebe Mitbrüder im Priesteramt! Ich möchte Euch heute besonders ermutigen, Euch ganz der Mutter Gottes anzuvertrauen und in ihrer Haltung - in der Haltung der Hingabe und des selbstlosen Dienens - die Euch anvertrauten seelsorglichen Aufgaben bestmöglich zu erfüllen, sowie in diesem Geist jeden Tag das Stundengebet zu verrichten. Betet täglich in der Einheit mit dem Papst und mit der ganzen Kirche auch den Rosenkranz für die Euch anvertrauten Menschen, aber auch für jene, die noch nicht bzw. nicht mehr an Gott glauben und darauf warten, von Euch angesprochen zu werden.

Schließlich möchte ich Euch, liebe Mitbrüder im priesterlichen Dienst, die Worte von Papst Benedikt, die dieser beim Besuch seiner einstigen Bischofs­stadt Freising an die Priester gerichtet hat, ans Herz legen: Da ist zunächst die tägliche Feier der Heiligen Messe: Vollziehen wir sie nicht wie etwas, das eben „dran ist" und das ich halt „machen muß", sondern feiern wir sie von innen her! Geben wir uns in die Worte, in die Handlungen, in das Geschehen hinein, das da wahr ist! Wenn wir die Messe betend feiern, wenn wir dieses „Dies ist mein Leib" wirklich aus der Gemeinschaft mit Jesus Christus heraus sprechen, der uns die Hände aufgelegt hat und uns ermächtigt hat, mit diesem seinem Ich zu sprechen, wenn wir glaubend und betend von innen her Eucharistie begehen, dann ist sie nicht eine äußere Pflicht, dann ist die „ars celebrandi" von selbst da, die eben darin besteht, es vom Herrn her und mit ihm und so recht für die Menschen zu tun. Dann werden wir dabei selbst immer neu beschenkt und bereichert, und geben zugleich das, was mehr ist als unser Eigenes, die Gegen­wart des Herrn, an die Menschen weiter" (Ansprache von Papst Benedikt XVI. bei der Begegnung mit Priestern und Diakonen im Freisinger Mariendom am 14.09.2006).

Liebe Gottesdienstgemeinschaft, Brüder und Schwestern!

Tun wir es der Jungfrau Maria, der großen adventlichen und eucharistischen Frau, gleich: Hören und schauen wir auf das, was Gott mit uns und unserem Leben vorhat. Lassen wir Seinen heiligen Willen an uns geschehen! Die mächtige Fürsprache der unbefleckt empfangenen Jungfrau und Gottesmutter, der wir uns täglich neu anvertrauen dürfen, helfe uns, Christus immer treuer nachzufolgen. Wenn wir diese Adventzeit ganz bewusst leben, kann dies gewiss ein erster wichtiger Schritt dazu sein.

O Maria, ohne Sünde empfangen, bitte für uns, die wir zu dir unsere Zuflucht nehmen. Amen.

Pontifikalamt von Erzbischof Dr. Peter Stephan Zurbriggen, Apostolischer Nuntius in Österreich, in der Kathedrale der Diözese Linz, 8. Dezember 2009
Es gilt das gesprochene Wort!