Inhalt Rechts

Rechte optische Spalte

Inhalt Mitte

Hauptinhalt

Predigt bei dem 600-Jahr-Jubiläum in der Stiftskirche zu Dürnstein (Erntedankfest 2010)

Hochwürdigster, lieber Herr Prälat Propst Maximilian!
Hochwürdigster, lieber Abt Georg!
Sehr geehrte Vertreter des öffentlichen Lebens!
Liebe Mitbrüder im priesterlichen und diakonalen Dienst!
Liebe Ordenschristen!
Meine Brüder und Schwestern im Herrn!

Lassen Sie mich eingangs sagen, daß es für mich eine große Freude ist, als Apostolischer Nuntius in Österreich mit Ihnen allen dieses feierliche Hochamt zum 600-Jahr-Jubiläum des Stiftes Dürnstein in Verbindung mit dem heurigen Erntedankfest, zu feiern! Gerne komme ich heute in die schon leicht herbstliche Wachau, um Ihnen die Grüße und den Segen des Heiligen Vaters zu bringen, der Österreich kennt und liebt, das Land und die Menschen, die sich damals wie heute vom Evangelium Jesu Christi inspirieren lassen. Der charakteristische Kirchturm des Stiftes kündet ja von der christlichen Kultur dieses Ortes in der - trotz Herbstregens - bezaubernden Donaulandschaft.

Im Jahre 1410 wurde das Kloster Dürnstein von den Augustiner-Chorherren, die aus dem böhmischen Wittingau stammten, besiedelt. Im Zuge der Kirchenpolitik Kaiser Joseph II. und im Zusammenhang mit wirtschaftlichen Problemen fiel auch das Stift Dürnstein den Klosteraufhebungen zum Opfer und wurde an das Augustiner-Chorherrenstift Herzogenburg übergeben, zu dem es bis heute gehört. So ist immerhin die Anknüpfung an die Augustiner-Chorherren und ihre Tradition in der Pfarre Dürnstein erhalten geblieben. Daher dürfen wir heute voll Dankbarkeit auf 600 Jahre zurückblicken und dem Herrn danken: dies nicht nur für das 600-jährige Wirken der Augustiner Chorherren, sondern heute besonders auch für die „Früchte der Erde und der menschlichen Arbeit", unsere Ernte­gaben. 

In der Lesung aus dem Buch des Propheten Joël haben wir gehört: „Freu dich und juble; denn der Herr hat Großes getan." Und an einer anderen Stelle heißt es: „Jubelt ... und freut Euch über den Herrn, euren Gott! Denn er gibt euch Nahrung, was recht ist." ( Joël 2,21.23). Es ist also der Herr, der sich unserer Bedürfnisse annimmt und uns das Brot des Lebens, ja unser tägliches Brot - wie wir im Vaterunser beten - schenkt. Papst Benedikt XVI. erschließt uns in seinem „.Jesus-Buch" eine weitere Dimension dieser Vaterunser-Bitte: „In der Tat haben die Kirchenväter praktisch einmütig die vierte Vaterunser-Bitte auch als Eucharistie-Bitte verstanden; in diesem Sinn steht das Vaterunser als eucharistisches Tischgebet in der Liturgie der heiligen Messe. Das bedeutet nicht, daß man den einfachen irdischen Sinn der Jüngerbitte damit fortge­nommen hätte ..." (Joseph Ratzinger/Benedikt XVI.: Jesus von Nazareth, I. Teil, Freiburg 2007, 189). Die Worte des Heiligen Vaters können uns helfen zu erkennen, daß die Haltung der Dankbarkeit eine Grundhaltung des Christen ist. Die höchste liturgische Form des Dankes ist freilich die von Christus gestiftete Opferfeier seines heilbringenden Todes am Kreuz und seiner Auferstehung, in der die Kirche Gott für „die unsagbar große Gabe" der Erlösung von der Sünde dankt (2 Kor 9,15). Deshalb ist es wichtig und notwendig, die hl. Messe in der Gesinnung der Dankbarkeit zu feiern und mitzufeiern. Das bedeutet, dem Herrn für sein Wort und für die Gabe seiner Gegenwart dankbar zu sein. Er ist es ja selbst, der zu uns kommt und mit dem wir uns in der hl. Kommunion vereinigen.

Der heilige Evangelist Lukas weist uns im Evangelium darauf hin, daß wir keine Schätze nur für uns selbst sammeln brauchen, denn dann wären wir vor Gott nicht reich (cfr. Lk 12,21). Der hl. Ambrosius von Mailand - er war der Lehrer des hl. Augustinus -, weist uns im Kommentar zum Lukasevangelium darauf hin, welchen Wert Schätze für die Ewigkeit besitzen: „Vergebens sammelt derjenige Schätze, der gar nicht weiß, ob er sie je gebrauchen wird. Denn das, was wir nicht mit uns nehmen können beim Sterben, ist nicht unser. Allein die Tugend begleitet die Abgeschiedenen, allein die Barmherzigkeit folgt uns, die den Verstorbenen die ewigen Wohnungen öffnet." Wie aber sehen die Schätze aus, die wir für die Ewigkeit sammeln sollen? Es sind Schätze, die nicht verderben, nicht von Motten gefressen werden können, die, irdisch gesprochen, wenig Wert zu haben scheinen: Solche Schätze sind die Tugenden!

Warum aber ein tugendhaftes Leben führen? Der heilige Gregor von Nyssa lehrt uns, daß „das Ziel eines tugendhaften Lebens" darin besteht, „Gott ähnlich zu werden" (Gregor von Nyssa, beat. 1). Nach dem Katechismus ist die Tugend somit „eine beständige, feste Neigung das Gute zu tun. Sie ermöglicht dem Menschen, nicht nur gute Taten zu vollbringen, sondern sein Bestes zu leisten. Mit all seinen sinnlichen und geistigen Kräften strebt der tugendhafte Mensch nach dem Guten. Er sucht es zu erreichen und entscheidet sich bei seinen kon­kreten Handlungen dafür" (KKK, 1803). Auch wenn es heute wenig modern klingen mag, für ein tugendhaftes Leben zu plädieren, möchte ich Sie doch ganz bewußt dazu einladen. Der Blick auf die Heiligen zeigt uns, daß ihre tiefe Christusbeziehung die Grundlage für ihr tugendhaftes Leben war. Dies wird ganz deutlich am Beispiel der „Mutter Teresa von Kalkutta", die heute vor einem Monat, am 26. August, 100 Jahre alt geworden wäre. Dieses Jubiläum war für viele Menschen Anlaß, ihr Leben der selbstlosen Liebe als Ausdruck ihrer engen Bindung an Gott in Erinnerung zu rufen.

Als getaufte und gefirmte Christen sind wir berufen, den Weg der Heiligen und der Heiligung zu gehen. Wenn wir nicht nur auf Gott hören, sondern ihm auch in unserem Alltag folgen, wird unsere Liebe zu ihm Tag für Tag glühender werden, so daß wir am Ende mit dem Apostel Paulus ausrufen können: „ Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir " ( Gal 2,20). Das ist das gemeinsame Ziel aller Berufungen in der Kirche, daß Christus in uns lebt.

Liebe Brüder und Schwestern! Danken wir am heutigen Erntedanksonntag dem Herrn nicht nur für alle Gaben: für die Gaben der Erde und Früchte unserer Arbeit, für all das, was wir zum Leben brauchen. Täglich erfahren wir durch die Weltnachrichten, daß vieles nicht selbstverständlich ist! Wir haben allen Grund, Gott dankbar zu sein, auch dafür, daß wir in der Lage sind, anderen Menschen zu helfen. Aber nicht nur die materiellen Gaben machen uns dankbar. Lassen Sie uns, liebe Mitchristen, auch dankbar bleiben für alle geistlichen Gaben, die Gott uns täglich schenkt. Mit den Worten unseres Heiligen Vaters Papst Benedikt, den ich hier in Österreich vertreten darf, wollen wir beten: „Heilige Maria, Mutter Gottes, du hast der Welt das wahre Licht geschenkt, Jesus, deinen Sohn - Gottes Sohn. ... Zeige uns Jesus. Führe uns zu ihm. Lehre uns ihn kennen und ihn lieben, damit auch wir selbst wahrhaft Liebende werden können" (Papst Benedikt XVI., Deus Caritas est, 77-78). Amen.


Hl. Messe zum 600-Jahr-Jubiläum von Dürnstein (Hochamt zum Erntedankfest) in der Stiftskirche zu Dürnstein
Predigt des Apostolischen Nuntius Erzbischof Dr. Peter Stephan ZURBRIGGEN
( 1. L.: Joël 2,21-24.26-27; Ev.: Lk 12,15-21)